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Kunst oder Porno? - der Sextempel von Khajuraho
Gruppensexszenen, akrobatische Stellungen beim Liebesspiel, nackte, menschliche Körper in obszönen Posen – zurückhaltend sind sie nicht, die Darstellungen im Sextempel von Khajuraho, der mitten im ansonsten prüden Indien steht. Dass das Land nicht immer so konservative Moralvorstellungen wie in der Gegenwart hatte, belegt die Tempelanlage im Bundesstaat Madhya Pradesh.
Khajuraho-Tempel: Erotik aus dem Mittelalter
Was mag der britische Offizier T.S. Burt wohl gedacht haben, als er im Jahr 1838 die vom Dschungel überwucherte Tempelanlage Khajuraho entdeckte? Neben den mehr als 1.500 Fresken, die Szenen aus dem Leben der mittelalterlichen, indischen Stadt zeigten, sprangen ihm rund 200 Darstellungen frivoler Liebesszenen und eindeutiger sexueller Posen ins Auge. Nachdem ein Großteil der Anlage freigelegt war, wurde das ganze Ausmaß der kunstvollen Bildhauerarbeiten sichtbar. Von den einst ca. 80 sind heute noch 20 Tempelbauten erhalten.
Die Tempelanlage von Khajuraho entstand zwischen 950 und 1120. Die mittelalterlichen Bildhauer der Chandella-Dynastie meißelten Erotik, Liebe und Zärtlichkeit aus dem Stein. Die Figuren sind nahezu freiplastisch gearbeitet und wirken überaus lebendig. Die sexuelle Freizügigkeit der Darstellungen überrascht die meisten Besucher und scheint gar nicht zum konservativen Indien zu passen. In dem Land ist Sexualität vor der Ehe bis heute verboten und eine Heirat basiert in den ländlichen Regionen nicht auf der Zuneigung zweier Menschen, sondern auf einem Arrangement von Familien.
Video: Kamasutra Tempel (nur für Erwachsene) Indien
Szenen wie aus dem Kamasutra
Die freizügigen Sexszenen in der Tempelanlage erinnern stark an die Darstellungen im altindischen Liebesbuch Kamasutra, das zur Zeit des Tempelbaus sehr populär war. Im Mittelalter war Erotik in all ihren Facetten Teil der indischen Kultur.
In westlichen Gesellschaften wird das Kamasutra häufig auf die vielen unterschiedlichen Stellungen für den Geschlechtsverkehr reduziert. In Wahrheit hatten die Erotik und die Tempelskulpturen eine tiefe religiöse Bedeutung.
Folgt man den Erkenntnissen der Archäologie und Ethnologie handelt es sich um eine Lobpreisung hinduistischer Gottheiten. Dazu passt die Tatsache, dass in der hinduistischen Mythologie ganz andere Maßstäbe galten. Die Vereinigung von Mann und Frau wurde nicht nur als biologischer Fortpflanzungsakt gesehen, sondern als Zeugungsakt nach dem Vorbild der göttlichen Schöpfung, bei dem neues Leben entsteht.
Faszination, Scham und Staunen: Reaktionen der Tempelbesucher
Besucher, die dem Sextempel von Khajuraho zum ersten Mal einen Besuch abstatten, reagieren unterschiedlich auf die in Stein gemeißelten Gruppensexszenen und Darstellungen kopulierender Paare. Einigen treibt es die Schamesröte ins Gesicht, andere zücken den Fotoapparat mit Teleobjektiv und beginnen die Reliefs Reihe für Reihe abzulichten. Wieder andere Besucher sind peinlich berührt und versuchen die eigene Verlegenheit hinter einem Kichern zu verbergen. Die Meisten sind jedoch fasziniert von der Freizügigkeit, die im mittelalterlichen Indien geherrscht haben muss. Wenn auch Sie dem Sextempel von Khajuraho einmal einen Besuch abstatten wollen, wenden Sie sich an die entsprechenden Aussteller auf der virtuellen Reisemesse.
Kunst oder Porno? -Die UNESCO hat entschieden
Bis zu 30 m hoch sind die Wände in der Tempelanlage von Khajuraho. Einige sind über und über mit beinahe freiplastisch gearbeiteten Reliefs bedeckt. Nackte Tänzerinnen mit prallen Brüsten scheinen sich zum Takt der Musik zu bewegen oder erstarren in liebreizenden Posen. Paare vollziehen den Liebesakt und werden dabei von willigen Helfern flankiert. Teilweise sind die Körper in akrobatischen Stellungen miteinander verbunden. Schnell drängt sich der Gedanke auf, dass es sich bei den freizügigen Darstellungen um enthemmte Pornografie des Mittelalters handelt.
Doch diese Bewertung wird der Tempelanlage nicht gerecht. In den Reliefs kommt die künstlerische Schaffenskraft der indischen Bildhauer zum Ausdruck. Außerdem berücksichtigt die Reduzierung der Kunstwerke auf reine Pornografie nicht den religiösen Bezug. Nicht zuletzt spricht das hohe Maß an Ästhetik in den Darstellungen gegen diese Klassifizierung. Dass es sich eindeutig um Kunst handelt, sah auch die Welterbekommission der UNESCO so und entschied im Jahr 1986, den Sextempel von Khajuraho in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit aufzunehmen.
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